Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung: Mindestfrist, Betriebszugehörigkeit und Kündigungsschutz

Eine Schwerbehinderung führt schnell zu Unsicherheit bei der Kündigungsfrist: Gelten immer vier Wochen oder zählt deine lange Betriebszugehörigkeit stärker? Entscheidend ist, dass § 169 SGB IX nur eine Mindestfrist festlegt. Deine tatsächliche Kündigungsfrist kann deshalb deutlich länger sein.

Was Sie hier finden:

Wie lange ist die Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung?

Bei einer ordentlichen Arbeitgeberkündigung beträgt die Kündigungsfrist nach § 169 SGB IX grundsätzlich mindestens vier Wochen. Ist für dein Arbeitsverhältnis aufgrund von Betriebszugehörigkeit, Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag eine längere Kündigungsfrist vorgesehen, bleibt diese längere Frist maßgeblich.

SituationWelche Kündigungsfrist gilt?
Dein Arbeitgeber kündigt und § 169 SGB IX giltMindestens 4 Wochen
Gesetzliche Frist nach Betriebszugehörigkeit ist längerLängere gesetzliche Frist
Dein Arbeitsvertrag sieht eine längere Frist vorLängere vertragliche Frist
Ein Tarifvertrag enthält eine längere FristTarifliche Frist
Du kündigst selbstNormale Kündigungsfrist deiner Eigenkündigung prüfen

Berechne deine tatsächliche Kündigungsfrist anhand von Betriebszugehörigkeit, Vertrag und Kündigungssituation.

Verlängert sich die Kündigungsfrist durch eine Schwerbehinderung automatisch?

Nein. Eine Schwerbehinderung verlängert deine bereits geltende Kündigungsfrist nicht automatisch um weitere vier Wochen. § 169 SGB IX legt bei einer entsprechenden Arbeitgeberkündigung lediglich eine Mindestkündigungsfrist von vier Wochen fest.

Gilt beispielsweise bereits eine Kündigungsfrist von drei Monaten, werden daraus nicht drei Monate plus vier Wochen. Die drei Monate bleiben maßgeblich, weil sie länger als die gesetzliche Mindestfrist für schwerbehinderte Arbeitnehmer sind.

Welche Kündigungsfrist gilt bei einem GdB von 50, 60, 70 oder 100?

Die Höhe deines Grades der Behinderung führt nicht zu unterschiedlich langen Kündigungsfristen. Ab einem GdB von 50 giltst du grundsätzlich als schwerbehindert. Ein höherer GdB von 60, 70 oder 100 erhöht die Mindestkündigungsfrist nach § 169 SGB IX nicht weiter.

Grad der BehinderungBesondere Mindestkündigungsfrist
GdB 50Grundsätzlich mindestens 4 Wochen
GdB 60Grundsätzlich mindestens 4 Wochen
GdB 70Grundsätzlich mindestens 4 Wochen
GdB 100Grundsätzlich mindestens 4 Wochen

Welche Kündigungsfrist gilt bei langer Betriebszugehörigkeit und Schwerbehinderung?

Bei langer Betriebszugehörigkeit ist die tatsächliche Kündigungsfrist häufig deutlich länger als vier Wochen. § 169 SGB IX setzt nur eine Mindestgrenze. Ist die gesetzliche Arbeitgeberfrist nach § 622 BGB länger, musst du für die Berechnung diese längere Frist zugrunde legen.

BetriebszugehörigkeitGesetzliche Kündigungsfrist des Arbeitgebers
2 Jahre1 Monat zum Monatsende
5 Jahre2 Monate zum Monatsende
8 Jahre3 Monate zum Monatsende
10 Jahre4 Monate zum Monatsende
12 Jahre5 Monate zum Monatsende
15 Jahre6 Monate zum Monatsende
20 Jahre oder mehr7 Monate zum Monatsende
Bei acht Jahren Betriebszugehörigkeit gelten nach § 622 BGB grundsätzlich drei Monate zum Monatsende, wenn keine andere Regelung maßgeblich ist. Auch nach 36 Jahren steigt die gesetzliche Arbeitgeberfrist nicht weiter an: Sie beträgt ab 20 Jahren grundsätzlich sieben Monate zum Monatsende.

Welche Kündigungsfrist gilt, wenn du als schwerbehinderter Arbeitnehmer selbst kündigst?

Kündigst du selbst, wird die Mindestkündigungsfrist von vier Wochen nach § 169 SGB IX nicht automatisch auf deine Eigenkündigung übertragen. Die besondere Regel schützt dich vor einer Arbeitgeberkündigung und bestimmt nicht pauschal deine eigene Kündigungsfrist.

Prüfe deshalb deinen Arbeitsvertrag, einen anwendbaren Tarifvertrag und die allgemeinen gesetzlichen Regeln. Erst daraus ergibt sich, mit welcher Frist du selbst kündigen und zu welchem Termin dein Arbeitsverhältnis enden kannst.

Welche Regeln muss dein Arbeitgeber bei einer Kündigung bei Schwerbehinderung beachten?

Bei einer Kündigung eines schwerbehinderten Arbeitnehmers reicht es für deinen Arbeitgeber nicht aus, nur die richtige Kündigungsfrist zu berechnen. Wenn der besondere Kündigungsschutz greift, müssen zusätzliche Beteiligungs- und Zustimmungsregeln eingehalten werden, bevor dein Arbeitsverhältnis wirksam beendet werden kann.

  1. Schwerbehindertenstatus prüfen: Zuerst ist zu klären, ob bei dir eine anerkannte Schwerbehinderung oder eine relevante Gleichstellung besteht und die besonderen Schutzvorschriften des SGB IX greifen.
  2. Integrationsamt beteiligen: Bei einer Arbeitgeberkündigung ist grundsätzlich die vorherige Zustimmung des Integrationsamtes erforderlich, sofern keine gesetzliche Ausnahme vom besonderen Kündigungsschutz vorliegt.
  3. Schwerbehindertenvertretung anhören: Besteht im Betrieb eine Schwerbehindertenvertretung, muss dein Arbeitgeber sie rechtzeitig und umfassend beteiligen, bevor über die Kündigung entschieden wird.
  4. Kündigungsfrist bestimmen: Anschließend muss dein Arbeitgeber die Mindestfrist nach § 169 SGB IX mit gesetzlichen, vertraglichen und tariflichen Kündigungsfristen vergleichen.
  5. Kündigungstermin einhalten: Aus der längsten maßgeblichen Frist und dem zulässigen Beendigungstermin ergibt sich, wann dein Arbeitsverhältnis tatsächlich enden kann.

Gibt es in deinem Betrieb einen Betriebsrat, können bei einer Kündigung zusätzliche Beteiligungsrechte eine Rolle spielen. Erfahre, welche besonderen Regeln für Betriebsratsmitglieder und die Beteiligung des Betriebsrats gelten.

Gilt die Mindestkündigungsfrist auch in den ersten sechs Monaten?

Nicht immer. Die besonderen Kündigungsschutzvorschriften für schwerbehinderte Menschen gelten grundsätzlich nicht, wenn dein Arbeitsverhältnis beim Zugang der Kündigung noch nicht länger als sechs Monate besteht. Diese Ausnahme ergibt sich aus § 173 SGB IX.

Damit greift in diesem Zeitraum auch die besondere Vier-Wochen-Mindestfrist nach § 169 SGB IX grundsätzlich nicht allein aufgrund deiner Schwerbehinderung. Entscheidend sind dann die sonst für dein Arbeitsverhältnis geltenden Kündigungsfristen.

Befindest du dich zusätzlich in einer vereinbarten Probezeit, können besondere Regeln für Kündigungsfrist und Beendigungstermin gelten. Prüfe deshalb auch, welche allgemeinen Kündigungsfristen während der Probezeit maßgeblich sind.

Was ist der Unterschied zwischen Kündigungsfrist und Sonderkündigungsschutz bei Schwerbehinderung?

Kündigungsfrist und Sonderkündigungsschutz beantworten zwei verschiedene Fragen. Die Kündigungsfrist bestimmt, wann dein Arbeitsverhältnis nach einer zulässigen Kündigung endet. Der besondere Kündigungsschutz entscheidet dagegen zunächst, ob dein Arbeitgeber die Kündigung überhaupt in der vorgesehenen Form aussprechen darf.

ThemaKündigungsfristSonderkündigungsschutz
Zentrale FrageWann endet dein Arbeitsverhältnis?Darf dein Arbeitgeber kündigen?
Wichtige RegelMindestens 4 Wochen, wenn § 169 SGB IX greiftZustimmung des Integrationsamtes kann erforderlich sein
Betriebszugehörigkeit relevant?Ja, sie kann die Frist verlängernNicht für die grundsätzliche Zustimmungspflicht
Können beide gleichzeitig gelten?JaJa

Welche Kündigungsfrist gilt nach TVöD, TV-L oder IG-Metall-Tarifvertrag?

Arbeitest du unter einem Tarifvertrag, darfst du nicht automatisch nur mit den vier Wochen aus § 169 SGB IX rechnen. Tarifliche Kündigungsfristen können länger sein und bleiben dann maßgeblich. Entscheidend ist der konkret auf dein Arbeitsverhältnis anwendbare Tarifvertrag.

Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung im TVöD

Gilt für dich der TVöD, richtet sich die Kündigungsfrist unter anderem nach deiner Beschäftigungszeit und der tariflichen Regelung für dein Arbeitsverhältnis. Die Schwerbehinderung ersetzt diese tarifliche Frist nicht durch pauschal vier Wochen.

Für die Berechnung musst du deshalb deine Beschäftigungszeit und die einschlägige TVöD-Regel prüfen. Ist die tarifliche Frist länger als die Mindestfrist des § 169 SGB IX, gilt grundsätzlich die längere Frist.

Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung im TV-L

Auch im TV-L bestimmen die tariflichen Vorschriften, welche Kündigungsfrist anhand deiner Beschäftigungszeit gilt. Deine Schwerbehinderung führt nicht dazu, dass eine längere tarifliche Kündigungsfrist auf vier Wochen verkürzt wird.

Prüfe deshalb die auf dein Arbeitsverhältnis anwendbare TV-L-Regel und vergleiche sie mit dem gesetzlichen Mindestschutz. Für deinen Kündigungstermin ist die tatsächlich maßgebliche längere Frist entscheidend.

Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung im Bereich IG Metall

Im Bereich der IG Metall gibt es keine einzige Kündigungsfrist, die für alle Beschäftigten in Deutschland gleichermaßen gilt. Die konkrete Frist kann vom Tarifgebiet, Tarifvertrag, deiner Beschäftigungsdauer und weiteren tariflichen Voraussetzungen abhängen.

Du solltest deshalb den für deinen Betrieb geltenden Tarifvertrag prüfen. Ist dort eine längere Kündigungsfrist geregelt, bleibt diese trotz der Vier-Wochen-Mindestfrist für schwerbehinderte Arbeitnehmer maßgeblich.

Welche Kündigungsfrist gilt bei einer betriebsbedingten Kündigung und Schwerbehinderung?

Eine betriebsbedingte Kündigung erzeugt keine eigene, verkürzte Kündigungsfrist. Deine Frist richtet sich weiterhin nach den für dich geltenden gesetzlichen, vertraglichen oder tariflichen Regeln sowie nach der Mindestfrist des § 169 SGB IX, sofern diese anwendbar ist.

Zusätzlich müssen bei einer betriebsbedingten Kündigung weitere Voraussetzungen geprüft werden. Dazu können der besondere Kündigungsschutz, die Zustimmung des Integrationsamtes und die Sozialauswahl gehören. Die Schwerbehinderung kann dabei neben der Betriebszugehörigkeit eine wichtige Rolle spielen.

Welche Kündigungsfrist gilt bei Schwerbehinderung und Insolvenz des Arbeitgebers?

Auch bei einer Insolvenz verschwindet dein besonderer Kündigungsschutz nicht automatisch. Für die Kündigungsfrist gilt jedoch eine Sonderregel: Nach § 113 InsO beträgt sie höchstens drei Monate zum Monatsende, wenn nicht bereits eine kürzere Frist maßgeblich ist.

Daneben muss geprüft werden, ob für deine Kündigung die Zustimmung des Integrationsamtes erforderlich ist. Insolvenzverwalter oder Arbeitgeber können den besonderen Kündigungsschutz schwerbehinderter Arbeitnehmer nicht allein mit dem Hinweis auf das Insolvenzverfahren umgehen.

Wie kannst du deine Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung berechnen?

Für eine korrekte Berechnung reichen Schwerbehindertenstatus und GdB allein nicht aus. Du musst mehrere Angaben zusammenführen, weil Betriebszugehörigkeit, Kündigender, Arbeitsvertrag und Tarifvertrag die tatsächliche Kündigungsfrist verändern können. Erst danach lässt sich dein Beendigungsdatum zuverlässig bestimmen.

  1. Prüfe, wer kündigt: Kündigt dein Arbeitgeber, kann die Vier-Wochen-Mindestfrist nach § 169 SGB IX relevant sein. Bei deiner Eigenkündigung gelten andere Regeln.
  2. Betriebszugehörigkeit feststellen: Ermittle, wie lange dein Arbeitsverhältnis bereits besteht. Eine lange Beschäftigungsdauer kann nach § 622 BGB zu mehreren Monaten Kündigungsfrist führen.
  3. Arbeitsvertrag prüfen: Kontrolliere, ob dein Vertrag eine eigene Kündigungsfrist enthält, die länger als die gesetzliche Regel ist.
  4. Tarifvertrag berücksichtigen: Prüfe bei TVöD, TV-L, IG Metall oder einem anderen Tarifvertrag, welche tarifliche Kündigungsfrist tatsächlich für dich gilt.
  5. Sonderregeln einbeziehen: Beachte insbesondere die ersten sechs Beschäftigungsmonate, Insolvenz oder andere gesetzliche Sonderfälle, die deine Kündigungsfrist beeinflussen können.
  6. Kündigungstermin berechnen: Sobald du die maßgebliche Frist kennst, kannst du aus Kündigungszugang und zulässigem Endtermin das tatsächliche Beendigungsdatum bestimmen.

Berechne, welche Frist tatsächlich gilt und zu welchem Termin dein Arbeitsverhältnis endet.

Was solltest du tun, wenn du als schwerbehinderter Arbeitnehmer eine Kündigung erhältst?

Nach einer Kündigung solltest du nicht ausschließlich prüfen, ob vier Wochen eingehalten wurden. Bei Schwerbehinderung können neben der Kündigungsfrist auch die Zustimmung des Integrationsamtes, die Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung und kurze Fristen für eine gerichtliche Überprüfung entscheidend sein.

  1. Zugang dokumentieren: Notiere genau, an welchem Tag dir die schriftliche Kündigung zugegangen ist. Dieses Datum ist für Kündigungsfrist und mögliche Klagefristen entscheidend.
  2. Kündigungsfrist kontrollieren: Vergleiche die Vier-Wochen-Mindestfrist mit Betriebszugehörigkeit, Arbeitsvertrag und Tarifvertrag, damit du erkennst, ob dein Beendigungsdatum korrekt berechnet wurde.
  3. Zustimmung des Integrationsamtes prüfen: Kläre, ob der besondere Kündigungsschutz bei dir greift und ob dein Arbeitgeber die erforderliche Zustimmung vor Ausspruch der Kündigung eingeholt hat.
  4. Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung prüfen: Besteht eine Schwerbehindertenvertretung, solltest du kontrollieren, ob sie ordnungsgemäß vor der Kündigungsentscheidung beteiligt wurde.
  5. Klagefrist beachten: Möchtest du die Kündigung gerichtlich überprüfen lassen, gilt grundsätzlich eine Drei-Wochen-Frist für die Kündigungsschutzklage nach Zugang der schriftlichen Kündigung.

Häufige Fragen unserer Leser

Gilt die Kündigungsfrist bei Schwerbehinderung auch bei einem GdB von 30 oder 40?

Ein GdB von 30 oder 40 gilt allein noch nicht als Schwerbehinderung. Wurdest du jedoch von der Bundesagentur für Arbeit einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt, können grundsätzlich auch für dich besondere Regelungen zum Kündigungsschutz nach dem SGB IX gelten.

Muss dein Arbeitgeber von deiner Schwerbehinderung wissen?

Für den besonderen Kündigungsschutz kann es entscheidend sein, ob deine Schwerbehinderung oder Gleichstellung bekannt ist beziehungsweise rechtzeitig geltend gemacht wird. Erhältst du eine Kündigung und kennt dein Arbeitgeber deinen Status nicht, solltest du ihn daher möglichst schnell darüber informieren.

Gilt die Vier-Wochen-Mindestfrist auch bei einer außerordentlichen Kündigung?

Nein. Die Mindestkündigungsfrist von vier Wochen nach § 169 SGB IX betrifft die ordentliche Arbeitgeberkündigung. Bei einer außerordentlichen Kündigung gelten andere Fristen und Voraussetzungen; der besondere Kündigungsschutz und die Beteiligung des Integrationsamtes können dennoch relevant bleiben.

Welche Regeln gelten bei einer Änderungskündigung und Schwerbehinderung?

Auch eine Änderungskündigung enthält eine Kündigung des bisherigen Arbeitsverhältnisses. Bist du schwerbehindert und greift der Sonderkündigungsschutz, muss dein Arbeitgeber deshalb grundsätzlich auch hier die besonderen Vorgaben des SGB IX einschließlich einer erforderlichen Zustimmung des Integrationsamtes beachten.

Gilt der Kündigungsschutz, wenn die Schwerbehinderung noch nicht festgestellt wurde?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann der besondere Kündigungsschutz auch relevant sein, wenn über deinen Antrag auf Feststellung der Schwerbehinderung oder Gleichstellung noch nicht entschieden wurde. Entscheidend sind unter anderem der Zeitpunkt des Antrags und die Gründe für eine noch ausstehende Entscheidung.

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